Flugangst beim Gleitschirmfliegen

Die netten Gleitflüge in den ruhigen Kaltluftseen des Winters sind nun endgültig vorüber.
Ergattert man mal einen der raren Flugtage die uns das Wetter zur Zeit beschert, geht es ordentlich zur Sache.
Auf 2000 m Seehöhe liegen noch 2,5m Schnee und der letzte Neuschneezuwachs ist noch gar nicht lange her. In den Tälern hingegen hatte es schon an die 30°C. Da sind Steigwerte von 5 bis 8 m/s keine Seltenheit. Dazu gesellt sich meistens noch eine recht flotte Höhenströmung, welche neben den thermischen Turbolenzen die Luft auch nicht ruhiger macht.
Da kann man es ehrlich gesagt schon mal mit der Angst zu tun bekommen. Das ist auch keine Schande, sondern ein gesunder Überlebenstrieb. Es soll zwar Piloten geben, die vollkommen schmerzfrei sind. Sehr selten sind aber die „alten“ Piloten ohne Angst.
Leider ist es in der Fliegerszene ein Tabu, über solche Ängste zu sprechen. War die Hose in der Luft auch noch so voll, beim Landebier ist meist nur mehr von Heldengeschichten zu hören. Dies ist eigentlich sehr schade, weil man gerade in der Gruppe viel Erfahrungen austauschen und Ängste aufarbeiten könnte.
Wovor hat man eigentlich Angst? Ich denke, es ist nicht unbedingt die ruppige Luft selbst, es sind oft die Bedingungen im Ganzen, wo man sich nicht sicher ist, ob die Flugbedingungen in dieser Form noch ok sind, oder nicht. Ein Beispiel: „Ist das jetzt nur stärker werdender Südwind, oder bricht gleich der angekündigte Föhn durch?“ Hier spielt in erster Linie die Erfahrung des Piloten die Hauptrolle um die Situation richtig einzuschätzen. Wobei es sicherer ist, einmal zu früh am Boden zu stehen, als einmal in der Luft zu sein und sich zu wünschen am Boden zu stehen. Ich stelle mir die Frage: „Wo bleibt denn der Genuss und das schöne beim Fliegen wenn man ständig nur voll angespannt ist?“
Der zweite Hauptgrund für Flugangst, über den noch weniger gesprochen wird, ist die gnadenlose „Übermotorisierung“ vieler Piloten. Leider ist es immer noch so, dass der mit dem heißeren „Eisen“ auch der coolere Pilot ist. Lieder tritt bei diesen Piloten aber das Fliegen  stark in den Hintergrund und grob gesagt, folgen auf einen 6 Minuten Flug und sechs „Halben“ dann fünf Stunden Heldengeschichten, die eh keiner mehr hören kann.
Wer nicht vor hat, mindestens 150 km oder mehr zu fliegen, hat meines Erachtens nur in Ausnahmenfällen etwas unter einem high end EN B, C oder gar EN D Gerät verloren.
Denn hat man ein zum Flugkönnen passendes Gerät, fliegt man lieber und länger mit mehr Beschleunigereinsatz und dadurch auch weiter, als mit einem Gerät das vielleicht 0,3 Gleitzahlen besser ist, unter dem ich mich aber ständig fürchte. Vergesst nicht, die Gleitzahl kann ich erst ausnutzen, wenn ich einmal schön gekurbelt und Höhe gemacht habe. Versucht es doch einfach mal mit einem braven Schirm!
Die andere Möglichkeit Angst abzubauen ist, die Grenzsituationen vor denen man sich fürchtete bei einem Sicherheitstraining kennen zu lernen. Auch Mentaltrainings sind möglich, welche bestimmt auch Sinn machen.
Ich denke aber, der erste und wichtigste Schritt sollte sein, dieses Thema endlich zu enttabuisieren! Legt los; nicht umsonst lautet unser Slogan „BE DIFFERENT!“.

In diesem Sinne, wünsche ich euch viele schöne und stressfrei Flüge in dieser jungen Saison!
Euer Ralf